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Aktuelle Nachrichten aus der Grafschaft Glatz

 

Unsere Vertreibung

Schlegel in der Grafschatz Glatz

Mein Vater Adolf war beteiligt am Polenfeldzug. Nach kurzer Zeit wurde er von der Wehrmacht freigestellt, weil er zusammen mit seinem Sohn Paul den nachbarlichen Hof des gefallenen Landwirtes Georg Richter bewirtschaften musste. Er war an der Errichtung von Panzersperren beteiligt. Während der letzten Kriegsmonate fuhr er täglich mit dem Fahrrad als Wehrmachtskurier zwischen Glatz und Silberberg.
Im Herbst 1945 wurde unsere Landwirtschaft von aussiedelnden Polen übernommen. Sie zogen ins Erdgeschoss und unsere gesamte Familie einschl. Großvater August Rother wurde in den oberen Räumen (l großes Zimmer und eine Kammer) untergebracht.
Ein Ereignis, das mir meine Schwester Annelies erzählte: Im Juli/August 1945 wurde auf Initiative von Günter Anlauf ein Treffen von jugendlichen Schlege- lern auf dem Kirchberg arrangiert. Er spielte auf dem Klavier und andere Jugendliche u.a. unsere Annelies tanzten dazu. Nach ca. 1,5 Stunden wurde das Treffen von plötzlich auftauchenden, um sich schießenden Polen zerschlagen. Die deutsche Gruppe wurde eine Nacht eingesperrt und zwischendurch geschlagen.
Ende Januar 1946 wurde unsere Vertreibung per Aushang bekannt gegeben. Nach persönlicher Aufforderung mussten wir am 26.2.1946 gegen 17.00 Uhr innerhalb von einer Stunde unser Haus verlassen. Es durften ausschließlich Bekleidung und Papiere mitgenommen werden. Der Treffpunkt aller zu diesem Zeitpunkt Vertriebener war das Gasthaus „Steiner“, in dem früher viel gefeiert und getanzt wurde. Meine Schwester Erna hatte sich eine Mandelentzündung zugezogen und sollte eigentlich zu unserer Tante Frieda und unserem Onkel Hermann Herzig nach Eckersdorf gebracht werden, sie blieb aber über Nacht im Haus und wurde am nächsten Morgen ebenfalls zu „Steiner“ gebracht. Großvater August Rother wurde aus Altersgründen bei seiner Tochter Frieda Herzig untergebracht.
Von unserem Aufenthalt im Gasthaus „Steiner“ ist mir eine Szene als knapp 4-jähriger in ewiger Erinnerung geblieben: Ein älteres Ehepaar wurde von einem polnischen Soldaten wiederholt befehligt: „Auf!“ „Nieder!“. Das Pärchen musste abwechselnd aufstehen und in die Hocke gehen.
Die Ansammlung fand die gesamte Nacht statt. Am Morgen setzte sich der Treck von ca. 1.000 Schlegelern in Bewegung. Unser Pfarrer hat dabei die Glocken geläutet. Während des Fußmarsches in Richtung Glatz kam es wiederholt zu Gewalttaten gegenüber Schlegelern. U.a. wurde der Gastwirt Müller geschlagen. Ein Bürger wurde in Eckersdorf in ein Gasthaus gezerrt, geschlagen und gehunfähig auf ein Fahrzeug geworfen. In Glatz wurden wir in einem riesigen Gebäude ohne Fenster untergebracht. Dort verbrachten wir drei Tage und Nächte zusammengepfercht auf dem Fußboden. Die Tür war verschlossen, WC nicht vorhanden. Ein Eimer machte die Runde und wurde von Männern geleert, sobald die Tür zwecks Personenkontrolle geöffnet wurde. Nach 3 Tagen wurden wir in Viehwaggons verfrachtet. 35 Personen pro Waggon, die von außen verschlossen wurden. Plötzlich öffneten 2 polnische Bewacher die Tür zu unserem Waggon und zogen Papas Rucksack mit unseren Papieren, Wertsachen (Geburtsurkunden etc.) heraus.
Unterwegs wurde der Zug auf einem toten Gleis abgestellt. Einige Männer begaben sich in ein nahegelegenes Dorf und erbettelten Kartoffeln. Zwischen den Gleisen wurde ein Feuer entfacht und von vorhandenen Mitteln Suppe gekocht.
Am 04.03. übernahmen uns die Engländer in Marienfeld. Dort desinfizierte und entlauste man uns. Wir wurden unter eine Art Duschen gestellt, aus denen Desinfektionsmittel herausströmte.
Am 05.03.1946 kamen wir in Aurich/Ostfriesland an. Wir wurden auf Lastwagen nach Ardorf transportiert, in der Gaststätte Toben versammelt und an verschiedene Bauern verteilt.
Meine Muttel und ich kamen zum Bauern Toben, der Papa und Berthold zu 2 verschiedenen Bauern, während alle anderen Geschwister einzeln in verschiedenen Familien untergebracht wurden. Einige von uns hatten es sehr gut und die Verbindung bestand noch nach Jahrzehnten, andere wiederum wurden wie lästige Landstreicher behandelt.
Mein damals 17-jähriger Bruder Paul erfuhr durch einen Herrn Rambaski aus Schlegel, dass der Kali-Schacht Siegfried-Giesen bei Hildesheim Arbeitskräfte suchte und begann im Sommer 1946 dort seine Tätigkeit als Bergmann. Im Hebst 1946 folgte ihm dann der Papa und wurde ebenfalls Bergmann. Annelies erhielt 1947 im April eine Stelle als Haushaltshilfe in Oberursel, während die Muttel mit uns weiteren Kindern in eine Baracke in Ardorf zog. Im Herbst 1947 zogen auch wir zu dem Kali-Schacht Siegfried-Giesen, wo wir 9 Jahre in einer Werksbaracke wohnten und anschließend in ein Eigenheim in Sarstedt zogen, wonach jedes der Geschwister anschließend unterschiedliche Existenzen aufbaute. Außer mir lebt nur noch mein Bruder Berthold.

Horst Gebauer

Eltern: Hedwig Gebauer, geb. Rother, 23.12.1906. Adolf Gebauer, 28.09.1897. Kinder: Annelies, 11.05.1928. Paul 01.10.1929. Martha, 16.03.1931- gest. an Keuchhusten 10.09.1931. Erna, 17.05.1932. Georg, 22.03.1934. Berthold, 21.05.1937. Horst, 19.03.1942.
 

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Familie Gebauer in Schlegel
Foto: Privat

 
in: Schlesische Nachrichten, Nr. 1.2020

 

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Erste Version vom 19.04.2020, letzte Aktualisierung am 19.04.2020.