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Früher und heute

Warum die Corona-Krise der Gegenwart an die historischen Pestzeiten in Schlesien erinnert

Die Corona-Epidemie der Gegenwart bedroht unser menschlich-gesellschaftliches Leben, so dass weitgehende Maßnahmen zu deren Eindämmung beschlossen wurden. Das betrifft Freizeit- und Bildungsangebote und greift in das beruflich-wirtschaftliche Leben massiv ein. Die Ausbreitung des Corona-Virus verschärft sich und verunsichert immer mehr die Menschen.
Vor diesem Hintergrund erinnere ich an Pestepidemien vergangener Jahrhunderte und wähle Beispiele schlesischer Orte in der Grafschaft Glatz. Damit rückt die „historische Pest“, die in Europa und Schlesien wütete, in den Mittelpunkt: 1347-1362, 1464, 1471, 1483, 1521, 1541, 1568 und 1583. Besonders schwere Pestepidemien suchten Schlesien 1464 und 1568 heim. Letzterer fielen allein in Breslau 8.000 Menschen zum Opfer. Während des Dreißigjährigen Krieges starben 1633 13.231 Bewohner; dies entsprach einem Drittel der damaligen Breslauer Bevölkerung. Ursache war insbesondere die Lungenpest, die durch Einatmen von Pestbakterien oder Tröpfcheninfektion entstand und sich verbreitete. Auch die Grafschaft Glatz wurde in den Pestjahren 1465 und 1483 von dieser Epidemie heimgesucht. So sollen in der Gegend von Neurode 900 Menschen gestorben sein und 1568 forderte die Pest in der Stadt Glatz 800 Opfer; im Jahr 1599 sogar 1.330. Dies führte 1549-1561 zu einer Hungersnot, bei der sich die Menschen von „Palmen“ (Weidenkätzchen), unter Brotmehl gemischt, ernährten. Als die Pest 1680, vom Türkischen Kriegsschauplatz in Österreich kommend, erneut in die Stadt Glatz eindrang, starben von 3.298 Erkrankten (Infizierten) 1.478 Einwohner.
Am Fest des hl. Franziskus Xaverius, den 3.12.1680, erlosch die Pest. Während die tödliche Krankheit noch wütete, veranstalteten Kinder eine Lichterprozession, um betend und singend die anhaltende Gefahr der Pest abzuwenden. Die Kinderschar trug dabei das Bild des hl. Franziskus vor sich her. Die Epidemie wurde, so der Volksglaube, gebannt und das Pestgelöbnis zum hl. Franziskus immer wieder in den Jahren darauf erneuert. Besonders tückisch wirkte sich die Pest in der Stadt Wünschelburg aus; sie liegt 12 km südwestlich von Neurode. Das waren die Jahre 1625, 1633 und 1680. Die Mariensäule erinnert noch heute an das Pestjahr 1680. Es kostete über 500 Menschen das Leben. Die Zahl der Toten war so groß, dass man sie auch im Garten und auf freiem Feld begrub. Um die Pestnot um 1680 im Gedächtnis zu bewahren, fand in Wünschelburg alljährlich am 16. Juli das sogenannte „Skapulier-Fest“ mit einer Gelöbnisprozession statt. Sie führte von der Pfarrkirche St. Dorothea zur Mariensäule am Ring. Zahlreiche Pestkapellen erinnern im Glatzer Bergland an die tödliche Infektion durch die Pest. Genannt seien die drei Pestkapellen (1680-1683) auf dem Weg zum Annaberg bei Neurode. Die Pestkapelle zu Habelschwerdt, „Glätzisches Rothenburg“ genannt, belegt, dass diese Stadt 1680 von der Pest verschont blieb. Auch viele Pestsäulen zeugen von dieser grassierenden Seuche. Den Säulenkopf zieren Figuren und Bildnisse der „Schmerzhaften Mutter Maria“ oder Pestheilige wie Antonius von Padua (Gedenkfest: 13.07.), Karl Borromäus (Gedenkfest: 14.11.) und Franz Xaverius (Gedenkfest: 03.12.). Die Heiligen zeichnet aus, dass sie Pestkranke pflegten und um Gotteshilfe baten.
Was die Corona-Krise mit der historischen Pest verbindet, ist die Angst der Menschen vor der unheimlichen Krankheit, sich anzustecken und vor ihr schützen zu müssen. So signalisierten damals meterhohe Pestfeuer um die Dörfer die tödliche Gefahr. Heute heißt es, soziale Kontakte zu meiden und medizinischen Beistand zu suchen. Die Pest der Vergangenheit reduzierte die Bevölkerung gewaltig, am Beispiel der Grafschaft Glatz belegt. Was die Corona-Krise von der historischen Pest unterscheidet, ist auch im Zusammenhang zwischen Krankheit und Religion zu sehen. Unser aufgeklärtes Bewusstsein verneint diese Beziehung und übergibt die Erklärung der Krankheit Politik und Wissenschaft.

Dr. Horst Stephan

in: Schlesische Nachrichten, Nr. 4.2020
 

Pestkapelle auf dem Allerheiligenberg bei Schlegel
Renovierte Pestkapelle „Zur Schmerzhaften Mutter“ auf dem Allerheiligenberg,
auch Kirchberg genannt, in Schlegel (Kreis Neurode)
Foto: extern Jacek Halicki (CC BY 3.0 auf wikimedia)
Mariensäule in Wünschelburg
Die Mariensäule in Wünschelburg wurde nach der Pestepidemie von 1680 errichtet.
Foto: extern Jacek Halicki (CC BY 3.0 auf wikimedia)
 
Mariensäule in Glatz
Die Mariensäule in Glatz entstand 1682 zum Gedenken an die Pestopfer.
Foto: extern Jacek Halicki (CC BY 3.0 auf wikimedia)

 

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Erste Version vom 26.04.2020, letzte Aktualisierung am 01.07.2020.