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Aktuelle Nachrichten aus der Grafschaft Glatz

Bericht der 17. Jahrestagung der Arbeitsgemeinschaft Grafschaft Glatz – Kultur und Geschichte am 28./29. April 2018

Zur 17. Jahrestagung der Arbeitsgemeinschaft Grafschaft Glatz – Kultur und Geschichte (AGG) am 28./29. April 2018 in Münster konnte der Vorsitzende Prof. Dr. Klaus Hübner rund 50 Teilnehmer (AGG-Mitglieder und Gäste) begrüßen. Nach einer kurzen Totenehrung für Dr. Joachim Sobotta und Peter Großpietsch gratulierte der Vorsitzende Mitgliedern zu runden Geburtstagen: Dr. Werner Schmack (85 Jahre), Monika Taubitz, Prof. Dr. Arno Herzig und Christa Faber jeweils zum 80. Geburtstag. Angesichts seiner langjährigen Verdienste um die AGG nahm die Versammlung einstimmig den Antrag an, Prof. Herzig die Ehrenmitgliedschaft zu verleihen. Schließlich gratulierte Prof. Hübner Dr. Georg Jäschke zur kürzlich erlangten Doktorwürde und zur Übernahme des Amtes eines verantwortlichen Schriftleiters beim „Grafschafter Boten“ in der Nachfolge von Peter Großpietsch.

Auch bei dieser Tagung erwartete die Teilnehmer wie jedes Jahr ein bunter Reigen von Vorträgen zu Kultur und Geschichte der Grafschaft Glatz. Als erstes referierte Prof. Dr. Arno Herzig (Hamburg) über „Jüdisches Leben in der Grafschaft Glatz“. Die Ausführungen dokumentierten die wechselvolle Geschichte der kleinen jüdischen Bevölkerung in Glatz, wie sie sich auch im gesamten Deutschen Reich nachweisen lässt. Es ist fraglich, ob es schon im 12. Jh. Juden in der Grafschaft Glatz gab. Erstmalig werden sie urkundlich 1347 anlässlich der Verpfändung der Stadt Neurode erwähnt. Im mittelalterlichen Glatz ist 1423 von einer jüdischen Gemeinde mit Synagoge und Friedhof die Rede. 1453 verliehen die Zünfte aus Glatz Juden einen Schutzbrief auf Zeit. Das Ende der jüdischen mittelalterlichen Gemeinde ist nicht nachweisbar. In der Chronik des Aelurius wird ein Hostienfrevel erwähnt, der 1492 zur Vertreibung der Juden aus Glatz geführt haben soll, der jedoch urkundlich nicht dokumentiert ist. Bis 1812 gab es in der Grafschaft kein Niederlassungsrecht für Juden in der Grafschaft, was nicht bedeutet, dass sich nicht einzelne Juden als Geldverleiher in Glatz aufgehalten haben. Erst ab 1825 kann von einer neuzeitlichen jüdischen Gemeinde in Glatz gesprochen werden, die bis zum Ersten Weltkrieg in bescheidenem Ausmaß wuchs. (1849: 135, 1871: 226 und 1880: 251 Juden, was ca. 0,4 % der Glatzer Bevölkerung ausmachte). 1884 wurde in der Grüne Straße eine Synagoge errichtet. Glatz bildete einen von 30 schlesischen Synagogenbezirken , hatte jedoch keinen eigenen Rabbiner, sondern nur einen Kantor. Rasch konnte sich die jüdische Gemeinde im Glatzer Bürgertum etablieren. So entstanden die Likörfabrik von Albert Jakob auf der Zimmerstraße, die Hirsch-Apotheke am Ring, sowie Mode-, Schuh- und Porzellangeschäfte. Jüdische Schüler wurden am kath. Gymnasium in Glatz aufgenommen. Spätestens in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 mit der Zerstörung der Synagoge in der Grüne Straße fand das Kapitel der jüdischen Gemeinde in Glatz ähnlich wie im gesamten Reichsgebiet ein fatales Ende.

Abb. 1: Judengasse Glatz
Abb. 1: Judengasse Glatz

Mit den „Katholischen Vereinen in der Grafschaft Glatz zwischen dem Ersten und dem Zweiten Weltkrieg“ beschäftigte sich Privatdozent Dr. Michael Hirschfeld (Vechta). Damals existierte in der Grafschaft Glatz ein reges katholisches Vereinswesen; so wies der Arnestuskalender von 1928 zwanzig katholische Vereine auf, die besonders an Fronleichnam und am Fest des hl. Franz Xaver am 3. Dezember in der Öffentlichkeit in Erscheinung traten. Hier zeigte sich, dass die Werbung für das Laienapostolat Früchte getragen hatte. Das gesellige Leben in Vereinshäusern , in kleineren Orten auch in Gasthäusern, wurde von den jeweiligen Pfarrern und ihren Kaplänen betreut. Nicht zu vergessen ist die politisch-gesellschaftliche Dimension, da die Vereine Zubringerdienste für die katholisch orientierte Deutsche Zentrumspartei (DZP) übernahmen. Die meisten Vereine arbeiteten auch nach 1933 weiter trotz Gerüchten über Vereinsverbot und Auflösung. So sorgte der Art. 31 des Reichskonkordates von 1933 zunächst für einen gewissen Schutz der katholischen Verbände. In der Folgezeit gelang es dem NS-Staat jedoch in zunehmendem Maße, das Monopol der staatlichen Organisationen durchzusetzen und alle kirchlichen Verbände zu verbieten. Die katholische Bischofskonferenz hatte darum z. B. eine Umstellung und Neuformierung der Jugendseelsorge auf der Ebene der Pfarreien beschlossen. Es war deshalb nicht weiter verwunderlich, wenn eine Reihe von Grafschafter Priestern, die mit der Jugendseelsorge betraut waren, vor Gerichte gestellt wurde. Als Fazit ist festzuhalten, dass die katholischen Vereine wichtige Seismographen für das kirchliche Leben in einer von Verwerfungen geprägten Gesellschaft der Zwischenkriegsphase darstellten. Erosionserscheinungen im katholischen Vereinswesen zeigten sich jedoch nicht erst im Dritten Reich, in dem das Vereinsleben zum Erliegen kam. Insgesamt wies der Referent auf die Notwendigkeit hin, dass die angerissene Thematik wesentlich besser erforscht werden müsse.

Abb. 2: Gesellen-Verein Landeck 1912
Abb. 2: Gesellen-Verein Landeck 1912

Über das vielfältige Grafschafter Zeitungs- und Zeitschriftenwesen berichtete Dr. Wolfgang Kessler (Viersen) in seinem Vortrag „Zeitschriften aus der und über die Grafschaft Glatz“. Nach einführenden Vorbemerkungen gab der Referent eine Aufstellung von Zeitungen und Zeitschriften, die in der Grafschaft Glatz erschienen waren: In der Zeit bis 1815 die ‚Glätzische Monatsschrift‘, herausgegeben von Pastor Pohle und thematisch sehr vielfältig; die ‚Glätzischen Miszellen‘, eine Wochenschrift, die den Übergang von Zeitschrift zur Zeitung markierte, jedoch nur ein Jahr lang erschien; das ebenfalls nur ein Jahr erschienene ‚Glätzische Wochenblatt‘; das ‚Habelschwerdter Kreisblatt‘, das sieben Jahre lang erschien; der ‚Hausfreund‘ 1843 - 1943 in Neurode; die 1881 auf zehn Jahre erschienene ‚Vierteljahresschrift‘; der ‚Gebirgsbote‘ des extern Glatzer Gebirgs-Vereins (GGV) von 1906 bis 1943; der seit 1911 erschienene ‚„Guoda-Obend“-Kalender‘ und seit 1919 die ‚Glatzer Heimatblätter‘, Zeitschrift des Vereins für Glatzer Heimatkunde. Die Kriegsjahre 1943/44 bedeuteten wegen Personal- und Papiermangel das Ende der nicht politisch-relevanten Periodika regionaler Struktur. Nach der Vertreibung 1946 kam es in Westdeutschland zur Neuauflage von Zeitschriften: Die ‚Grafschaft Glatzer Heimatblätter‘ von 1949 bis 1974, der ‚Grafschafter Bote‘ seit 1950 und bis heute erscheinend; die ‚Junge Grafschaft‘ (Rundbrief seit 1953), mittlerweile erweitert zum ‚Mitteilungsblatt des Großdechanten‘ und des extern Heimatwerkes Grafschaft Glatz e.V., der ‚Gebirgsbote‘ und seit 2002 die ‚AGG-Mitteilungen‘. Auf polnischer Seite ist noch das seit 1989 erscheinende ‚Jahrbuch [Anm. d. Red.: Monatsschrift] des Glatzer Landes Ziemia Kłodzka‘ zu erwähnen, welches zum Teil dreisprachig erscheint. Hier besonders zeigt sich jedoch, dass die zunehmende Digitalisierung zum Rückgang der Print-Medien führt.

Abb. 3: Häämtebärnla 1949
Abb. 3: Häämtebärnla 1949

Auf die enge Verzahnung zwischen Böhmen und dem Glatzer Kreis (der späteren Grafschaft Glatz) wies Dr. Werner H. Schmack (Minden) in seinem kulturellen Beitrag „Kaiser Karl IV. (1316-1378) und die Grafschaft Glatz. Regesten, Architekten und Maler“ hin. Unter den böhmischen Königen Johann von Böhmen (1296-1346) und Karl IV. (1316-1378), dem späteren deutschen König und Kaiser, erfuhr Schlesien einen kulturellen und religiösen Aufschwung, was sicherlich auch dem mit dem böhmischen Kreis Glatz eng verbundenen Kanzler Karls und ersten Prager Erzbischof, Arnestus von Pardubitz (um 1300-1364), zu verdanken war. In den „Regesta imperiiā€œ, den Quellen zur Reichsgeschichte, finden sich allein 66 Einträge zum Glatzer Kreis. Der wohl bedeutendste Baumeister jener Zeit, Peter Parler (1333 - 1401), begann 1364 den Bau der Glatzer Pfarrkirche, die in vier Bauphasen 1428, 1458, 1476 und 1473 bis 1501 fertiggestellt wurde. Der für das Glatzer Stadtbild prägende Brücktorberg wurde ebenfalls von der Prager Bauhütte erbaut, wohl durch Arnestus von Pardubitz initiiert. Der Abschluss des Vortrags behandelte das bekannteste Werk des Malers der Glatzer Madonna, den Vichy Brod-Altar von dem Meister Hohenfurth in der Prager Nationalgalerie.

Am Sonntagmorgen eröffnete Heribert Wolf (Düsseldorf) den Vortragsreigen mit der Darstellung seiner Familiengeschichte „Die Wolf-Schmiede in Habelschwerdt“. Schon vor 1618 gab es in Habelschwerdt eine Stadtschmiede in der Glatzer Gasse; eine erstmalige urkundliche Erwähnung findet sich 1790 anläßlich ihres Verkaufes in Höhe von 10 Reichstalern. 1823 wurde die Schmiede durch einen verheerenden Brand zerstört , insgesamt 109 Häuser mit einem Gesamtschaden von 223.930 Reichstalern waren betroffen. Für den Wiederaufbau der Stadt wurde eine zweistöckige Bauweise angeordnet, die auch für die Stadtschmiede galt. 1874 gelangte diese für den Preis von 2.615 Taler in den Besitz der Familie Wolf. Über mehrere Generationen blieb die Schmiede in ihren Händen: Anton Wolf I (1817-1896), Anton Wolf II (1847-1900), Friedrich Wolf (1875-1955). Als letzterer 1902 die Schmiede übernahm, waren in ihr zehn bis 14 Arbeiter beschäftigt. Bis 1946 wurden 135.000 Hufeisenbeschläge vorgenommen. Als Ausgleich für die zunehmende Motorisierung wurde die Fabrikation von Maschendrahtzaun aufgenommen. Letzter Besitzer der Schmiede war Paul Wolf (1905-2000), der Vater des Referenten, der diese nach der Vertreibung im April 1946 an den Polen Jan Liwacz (1898-1980) übergeben musste. Dieser war als „Kommunist“ in das Konzentrationslager Auschwitz eingeliefert worden; dort zeigte er besonderes Geschick bei kunstfertigen Schmiedearbeiten, u. a. Das berühmte Eingangstor ‚ARBEIT MACHT FREI‘, wobei er in stillem Protest das ‚B‘ auf den Kopf gestellt hat. Mit dem Tod von Liwacz 1980 endete auch die Geschichte der Schmiede, die heute nur noch als Kohlelager dient.

Abb. 4: Wolf-Schmiede mit Postkutsche Abb. 4: Wolf-Schmiede mit Postkutsche

Der Beitrag von Manfred Spata (Bonn) behandelte die Meilenmessungen im 16. Jahrhundert (1510, 1541, 1578) und den Rudolfinischen Vergleich von 1590/91 zur Streitschlichtung und Rechtsetzung wegen königlicher Privilegien im Glatzer Land. Immer wieder gab es wegen des ertragreichen königlichen Meilenrechts, insbesondere des Brauurbars, Auseinandersetzungen zwischen den Landständen, auf der einen Seite die königlichen Städte Glatz, Habelschwerdt, Landeck und Wünschelburg und auf der anderen Seite die seit alters her privilegierten Freirichter und Adelsgüter. Der Redner erläuterte die böhmischen Maße Elle, Landseil und Meile, die einheitlich im ganzen Königreich durch König Ottokar II. 1268 dekretiert worden waren und auf denen die Meilenmessungen beruhten, wenn auch in unterschiedlichen Maßinterpretationen. Der Rudolfinische Vergleich von 1590/91 beruhte auf der großen böhmischen Meile (= 11,2 km) und schuf für die Privilegien des Brau- und Schankrechts einen wirksamen Rechtsfrieden zwischen den Städten und der Ritterschaft; die Freirichter hatten inzwischen an Einfluss und Besitz verloren und sich nicht mehr am Verfahren beteiligt. Dieser Rechtsfriede dauerte bis in das 18. Jahrhundert, als er durch preußisches Recht abgelöst wurde.

Abb. 5: Meilenmessung
Abb. 5: Meilenmessung

Im letzten Vortrag befasste sich der Vorsitzende der AGG, Prof. Dr. Klaus Hübner (Mettmann), mit dem Thema „Eine Grafschaft Glatzer Chronik 1881 - 1890“. Als Unterlage dienten ihm die in der ‚Vierteljahrsschrift für Geschichte und Heimathskunde der Grafschaft Glatz‘ vom I. Jahrgang (1881/1882) bis zum X. und letzten Jahrgang (1890/91) erschienenen zehn Jahreschroniken. Diese wiesen mehrere Abteilungen auf: A. Tagesereignisse, B. Personalia, C. Statistische Notizen, ab 1887 C. Bäder der Grafschaft Glatz und D. Graphische Darstellung der Preisbewegung auf dem Getreidemarkte zu Glatz. Im Einzelnen wurden jeweils in chronologischer Reihenfolge thematisiert: Amtliches, Kirchliches, Schulwesen, Militärisches, Landwirtschaftliches und Naturereignisse, aber auch Vereine, Literarisches, Kunst, Unglücksfälle und verschiedene Ereignisse. Weiterhin finden sich in den Chroniken mehr als 80 biographische Notizen. Leider mußte die Chronik mit dem vierten Heft des 10. Jahrgangs ihr Erscheinen einstellen, da sich der Hauptredakteur, Seminardirektor Dr. Franz Volkmer aufgrund eines Augenleidens und sein Mitarbeiter Pfarrer Dr. Wilhelm Hohaus wegen ausgedehnter Seelsorgegeschäfte zurückziehen mußten. Insgesamt finden sich über den Zeitraum von zehn Jahrgängen über 80 biographische Notizen. Diese zehn Jahreschroniken bieten auf insgesamt 287 gedruckten Seiten eine wertvolle Datenzusammenstellung, die über eine normale Chronik hinausgeht und eine Fundgrube für alle Lebens- und Arbeitsbereiche in der Grafschaft Glatz darstellt.

Abb. 6: Chronikbeginn 1881
Abb. 6: Chronikbeginn 1881

Die Tagung endete mit der hl. Messe, zelebriert von Großdechant Franz Jung.
Der Vorsitzende Prof. Hübner wies schon auf die nächste AGG-Tagung hin, die für den 27./28. April 2019 wiederum in Münster geplant ist.

Sämtliche Vorträge werden in den demnächst erscheinenden „AGG-Mitteilungen“ Nr. 17 (2018) veröffentlicht. Das Heft wird bei Gerald Doppmeier, Kampstr. 23 A, 33397 Rietberg, Telefon: 05244/98 87 12, Mail: gerald (at) g-doppmeier.de, erhältlich sein.

Manfred Spata

Dieser Bericht wurde auch in der Heimatzeitung „Grafschafter Bote“ (7-8/2018, S. 8-9) und der Zeitschrift „Schlesischer Kulturspiegel“ (2/18, S. 30-31) veröffentlicht.

 

 

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© 2018 by Dipl.-Ing. Christian Drescher, Wendeburg-Zweidorf, Kontakt: Feedback-Formular.
Erste Version vom 24.08.2018, letzte Aktualisierung am 06.09.2018.